Das Läuferknie (Traktussyndrom)

 

VERLETZUNGEN. Ein Läuferknie verursacht typische Schmerzen an der Außenseite des Knies. Die Symptome kommen meistens durch einen gereizten Tractus iliotibialis, eine Sehnenplatte, die sich an der Außenseite des Oberschenkels befindet und am Knie ansetzt.

Neben den typischen, beschriebenen Ursachen, wie Trainingsfehler, Muskeldysbalancen, Fehlstellungen (z. B. O-Beine) etc., kann gerade bei hartnäckigen Beschwerden die osteopathische Diagnostik hilfreich sein. In der Praxis sieht man immer wieder Patienten mit scheinbar „orthopädischen Beschwerden“, bei denen die primäre Ursache nicht im muskuloskelettalen Bereich liegt. Therapien, die nur die Symptome behandeln, z. B. Traktusschmerzen, sind dann oft nicht erfolgreich und schon gar nicht nachhaltig.

Das nachfolgende Fallbeispiel soll zeigen, dass es bei gleicher Diagnose „Läuferknie“ unterschiedliche Ursachen geben kann mit entsprechend unterschiedlicher Behandlung.

 

Von Petra Michaelis

Diagnose und Behandlung aus osteopathischer Sicht

Fallbeispiel:

Eine 35-jährige Läuferin leidet seit ca. einem Jahr an einem Läuferknie links und manchmal abgeschwächt rechts. Laufpause, Dehnübungen, Blackroll und Einlagen haben teilweise geholfen, aber sobald sie versucht, ihr Laufpensum zu steigern, kommt der Schmerz wieder. Ein Muskeltest ergibt schwächere Abduktoren (M. glutaeus med. + min.) links. Bei der Tastuntersuchung zeigt sich, dass der Tractus iliotibialis beidseits schmerzhaft verspannt ist, links mehr als rechts. Zusätzlich sind druckempfindliche lymphatische Verquellungen an der Außenseite der Oberschenkel zu tasten. Diese Verquellungen sind sog. Chapman-Punkte (neurolymphatische Reflexpunkte) die einen Bezug zu inneren Organen haben. Im Falle des Tractus ist das Ligamentum latum (Teil des Befestigungsapparats der Gebärmutter) und bei Männern die Prostata beteiligt.

Stress, beruflich und/oder familiär, kann zu An- und Verspannungen im Becken und bei den dort liegenden Organen führen. Dadurch können die Chapman-Punkte unspezifisch aktiviert werden. Auf Nachfrage berichtet die Patientin von häufigem Harndrang, Regelschmerzen und manchmal tief sitzenden Kreuzschmerzen. Sie ist beruflich sehr gefrustet, da sie nach sechsjähriger „Kinderpause“ als Beamtin wieder eingestellt wurde, aber eigentlich in dieser Abteilung keine Arbeit für sie da ist. Es muss also nicht immer „zu viel“ Arbeit die Ursache für Stress sein. Ihre Leber-/Gallenblasenregion ist nur wenig verspannt und bis auf die Regelschmerzen fehlen auch andere Symptome der Leber-Qi-Stagnation. Durch die lymphatischen Verquellungen auf dem Tractus iliotibialis ist dieser bei Belastung anfälliger und regeneriert nicht so gut. Die beste Therapie wäre Zufriedenheit im Beruf … oft nicht ganz so leicht umzusetzen. Ansonsten ist die Blackroll gut, es sollte nur nicht zu schmerzhaft sein und die Chapman-Punkte können  mit osteopathischen Techniken behandelt werden. Es gibt auch eine wirkungsvolle Eigenbehandlung, die jeder durchführen kann.

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Manuelle Selbstbehandlung: Die auffälligen Punkte werden kontaktiert und durch Annäherung der umliegenden Weichteile entspannt. Die Einstellung ca. 1 Min. halten, dann den nächsten Punkt behandeln. Solange die Punkte schmerzhaft sind, ungefähr 3-4 x pro Woche behandeln.

Die Patientin kann mittlerweile wieder ihr gewünschtes Pensum laufen. Da sie inzwischen in eine andere Abteilung wechseln konnte, weiß man nicht, ob sie es nur mit der Behandlung und den Eigenübungen geschafft hätte, beschwerdefrei zu werden.

Fazit:

Der Körper ist in der Lage, sich selbst zu regenerieren. Primäre Muskelverletzungen/Sehnenreizungen durch Überlastung heilen durch Sportpause in der Regel aus. Gibt es aber Störfaktoren, die eine Problematik mit ausgelöst haben und die bestehen bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Symptome bei Belastung wiederkommen oder erst gar nicht besser werden. Hat mein Haus ein Loch im Dach, regnet es rein und ich sehe eine Pfütze auf dem Parkett. Niemand würde auf die Idee kommen, nur die Pfütze wegzuwischen, sondern man begibt sich auf die Suche nach dem Loch, der Ursache. Natürlich muss ich mich auch um die Pfütze, das Symptom, kümmern, denn auf Dauer schadet sie dem Parkett. Im Laufe des Lebens bekommt der Körper „Löcher“, alleine das Älterwerden macht ihn anfälliger, aber durch eine gesunde Lebensführung und die passende Therapie kann man manche Löcher vermeiden und auch stopfen.

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Petra Michaelis ist Osteopathin, Physiotherapeutin und Heilpraktikerin. Sie hat eine eigene Praxis und ist seit 1992 Referentin bei der A-Trainer-Ausbildung des Deutschen Tennis Bundes. Sie betreut immer wieder Leistungssportler verschiedener Sportarten, unter anderem Profifußballer, mit individuellen Übungskonzepten für die Spieler.

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ISBN 978-3-8403-7509-5

€ [D] 24,95

Auch als E-Book erhältlich.

http://www.dersportverlag.de/osteopathie-im-sport.html

Foto-Titel: Selbstuntersuchung der Chapman-Punkte auf dem Tractus iliotibialis. Man streicht flächig (mäßiger Druck) mit dem Mittelfinger entlang der Zone und spürt die druckempfindlichen lymphatischen Verquellungen.

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