Liebe Eltern – bringen Sie Ihre Kinder in einen Sportverein

IM WORT. Die gegenwärtige Diskussion um eine Spitzensportreform darf sich nicht am Kindersport vorbeimogeln. Auch hier ist eine Reform für und in den Landesverbänden und Vereinen überfällig. Es gibt viel zu tun in den Ländern, Kreisen, Städten und Gemeinden. Der Schulsport ist nicht mehr das was er einmal war oder was man von ihm erwarten müsste und in den Vereinen fehlen Trainer. Trotzdem heute mein Appell an interessierte Eltern. Tun sie selbst etwas für ihre Kleinen, bringen sie sie zum Sport. Vielleicht ist in ihrer Nähe ein Sportverein wo sie noch von kompetenten Übungsleitern oder Trainern mehrmals wöchentlich „bewegt“ werden würden. Ich weiß, dass dies auch heute noch viele Kinder und Eltern wollen, die Bambiniläufe allerorts beweisen es.

Von Lothar Pöhlitz

Leider scheint den Verantwortlichen für Erziehung und Bildung in unserem Lande offensichtlich nicht mehr bewusst zu sein, dass das Anerziehen von solchen Persönlichkeitseigenschaften wie Leidenschaft, Selbstdisziplin, Willensqualitäten, Fleiß, Motivation, Selbstbewusstsein, Konsequenz, Anstrengungs- und Durchsetzungsbereitschaft in früher Kindheit sehr gut mit Sport funktioniert. Und das macht nicht nur Spaß für ihre Kleinen sondern schafft auch Gewohnheiten. Die Vernachlässigung des Schulsports in Umfang und Qualität, die „Enteignung“ vieler Schulturnhallen für die Flüchtlingsunterbringung, die Abwendung der Sportlehrer vom außerschulischen Sport bis hin zur Interessenlosigkeit in den Kultusministerien für den Schulsport erfordern mehr Eigeninitiative von den Eltern, natürlich wenn sie es wollen. Vielleicht hat auch der eine oder andere Elternteil die Fähigkeiten und Lust sich selbst als Übungsleiter zur Verfügung zu stellen, die Sportvereine warten auf sie und wären dankbar.

Meine Lebenserfahrung als Trainer sagt, wir müssen jetzt den Eltern der Jüngsten vermitteln das ihre Kleinen in ihrem Leben weniger Erfolg haben werden wenn sie, wie weit verbreitet, weiterhin „nur Spaß haben wollen, alle ihre Wünsche schon früh erfüllt bekommen, eine Urkunde oder Medaille erhalten ohne sich besonders anstrengen zu müssen, man sich beim Ball über die Schnur nur wohlfühlen soll oder sich, „nicht besonders sportlich“, in einem Team „verstecken“ kann. Mehr Sport wäre eine Alternative.

Bundespräsident Joachim Gauck:Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland wieder mehr Wert darauf  legen, die Voraussetzungen für die Schule des Lebens zu schaffen. Fällt der Sportunterricht zu häufig aus, ist das eben keine Lappalie. Wer Erfolg im Spitzensport will, darf den Schul- und Breitensport nicht vernachlässigen.“ (11/2016)

Eine der großen Herausforderungen für Regierung und „Sportfunktionäre“

Die Herausforderung wäre ein breiteres Sportangebot in den Vereinen, auf breiter Front aktiviert, gefördert und gefordert, damit die Eltern wissen wohin sie bereits ihre Jüngsten in ihrer Nähe zum Sport bringen können. Dafür müssten die Sportverbände in den Kreisen, den Regionen, den Landesverbänden und auch die Verantwortlichen für ganz Deutschland ein System schaffen, Angebote schaffen damit unsere Kinder mehrmals wöchentlich bewegt werden und sich entsprechend ihrer Begabungen entwickeln können. Natürlich kostet Fitness nicht nur in Studios Geld, für die Nachfrage beim DOSB, Herrn de Maiziere, Alfons Hörmann und bei den Sportbünden wäre das wohl gerade der richtige Zeitpunkt.

Wenn die Mitgliedsbeiträge zur Bezahlung der derzeit fehlenden Trainer verwendet würden, werden sie auch welche bekommen.

Vom Schulsport haben sie ja derzeit nur ganz wenig zu erwarten, daran haben auch die Direktoren der Schulen einen beträchtlichen Anteil. Fast tägliche Sportstunden brächten eine Wende. Die Sportvereine und Landesverbände müssten endlich für die Eltern vielfältige Angebote für Sport machen, ihnen, nach einer Analyse und vielleicht sogar „Begehung“ in ihrer Region, sagen wohin Eltern ihre Kinder bringen können. Dafür sind sie doch gewählt. Dabei ist nicht unerheblich das die Sportlehrer bzw. Übungsleiter Fachpersonal fürs Kindertraining sind. Und wenn nicht helfen Fortbildungen. Vielleicht können die vielen tausend Sportlehrer, die in Jahrzehnten an den Hoch- und Fachschulen ausgebildet wurden, neu aktiviert werden.

„Sport hat enorme Vorteile für die psychische Gesundheit: Er hebt die    Stimmung, erhöht die Stressresistenz, verbessert das Gedächtnis und verlangsamt den Rückgang von kognitiven Fähigkeiten mit dem Alter.“ (Prof. Dr. Siegrid Löwel – Uni Göttingen)

…und wenn Eltern ein sportliches Talent zu Hause haben

Es gibt sie noch, die mit mehr Bewegungsdrang. In Abhängigkeit vom familiären Umfeld, vom Engagement der Sportlehrer in den Schulen oder von einem bewegungsorientierten, vielseitigen Kindertraining im Verein ist von Vorteil, wenn, nach einem durchlebten „Bewegungskindergarten“, schon eine frühe Ganzkörperkonditionierung mit der Sammlung vielseitiger Bewegungserfahrungen stattfand. Von Vorteil ist auch, wenn begabte Jungen und Mädchen, die mit einem überdurchschnittlichen sportlichen Talent ausgestattet sind, dies in einer einem systematischen Trainingsbeginn vorausgehenden Phase, spielerisch-anspruchsvoll belastend, durch freies Üben auch in anderen Sportarten (Schwimmen, Ski, Skiroller, Inliner, Spiele, Rad o.ä) mehr nutzen als andere. Auf dieser Grundlage kann sehr früh mit Kindern ein regelmäßiges Training beginnen. Und für den inzwischen beträchtlichen Anteil der Übergewichtigen, um die sich die Ärzte seit langem richtig sorgen, kann es auch nicht schaden.

Erst kürzlich sprach die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka – in deren Verantwortungsbereich ja auch der Schulsport fällt – davon das leistungsstarke Schüler besonders zu fordern sind. Als Hochbegabte gelten um die 2 % eines jeweiligen Jahrgangs, das schließt auch Hochbegabte für Sport ein. Vielleicht haben sie solch ein „Goldkörnchen“ zu Hause, es sind ja nicht alles Genies an der Geige oder dem Klavier. Aber auch die restlichen 98 % müssen bewegt werden.

Wahr ist aber auch dass nicht alle, die in jungen Jahren ihren gleichaltrigen weglaufen Talente sind. Sollten sie aber in ihrer Familie ein bewegungsintensives, talentiertes Kind haben, das vielleicht sogar noch gern schnell läuft, bringen sie es in einen Sportverein. Je jünger umso besser. Das sportliche Talent zeigt eine über dem Durchschnitt liegende Bereitschaft, hohe Leistungen erbringen zu können und zu wollen!

Sport weckt schlummernde Eigenschaften bei Kindern

Voraussetzungen für sportliche Fortschritte von Talenten sind ein komplexes-vielseitiges Training – Ehrgeiz – Fleiß – Härte – Leidenschaft – Disziplin – eine optimale Ernährung, ausreichend Erholung/Schlaf, ein kompetenter Nachwuchstrainer und mentale Stärke, wenn es um Siege geht. Sie werden durch Sport in der Gemeinschaft geweckt und auch fürs Leben weiterentwickelt.

Aber Vorsicht, junge Sportler werden in den verschiedensten Sportarten, besonders im Fußball und in der Leichtathletik, sehr schnell als Talente, Toptalente, Supertalente bis zum „Überflieger“ bezeichnet und damit die Erwartungshaltung und der Leistungsdruck gegenüber den jungen Sportlern und auch ihren Trainern überhöht. Da sollten sich vor allem die „Papa-Coaches“ zurückhalten.

„Ein Talent ist umgangssprachlich ein Individuum mit einer auf einem bestimmten Gebiet entwicklungsfähigen, speziellen Begabung.“ (Röthig et al., 1983)

Das Talent für eine Sportart bzw. einen Disziplinbereich (z.B. für Mittel- oder Langstreckenlauf) verfügt über die entsprechende Konstitution, die erforderlichen physischen Voraussetzungen, die Trainierbarkeit der motorischen Grundeigenschaften, sowie die psychischen Faktoren, die sowohl für das eines Tages harte Leistungstraining als auch für eine entsprechende Durchsetzungsfähigkeit im Wettkampf und später im Leben, erforderlich sind.

Sollte es mit ihrem Kind in diese Richtung gehen könnten  sie ja auch einmal über eine Sportschule oder eine Eliteschule des Sports nachdenken. Im Fußball hat sich inzwischen jede Bundesligamannschaft ein Nachwuchsleistungszentrum mit Internat geschaffen, alle mit dem Ziel einer systematischen Ausbildung von Talenten zum Profi. Dabei wissen sie ja auch dass es ausbildungsabhängig immer nur wenige in die Nationalmannschaften schaffen. Für die Sportarten außerhalb des Fußballs bietet der DOSB – für die obengenannten 2 % –  die Eliteschulen des Sports an.

Die Eltern entscheiden über den Weg ihres Talents!

„Ich habe alles meinen Eltern zu verdanken. Sie haben einen unglaublichen Aufwand für mich betrieben, mich dorthin gebracht wo ich am besten trainieren konnte, ohne die Eltern hast Du keine Chance.“ (Felix Neureuther 11/2016)

Die sich in der Regel schneller entwickelnden Talente zeichnen sich durch eine höhere Lernfähigkeit aus und bringen Fähigkeiten, Eigenschaften und die notwendigen Verhaltensweisen mit. In der Musik spricht man von Wunderkindern wenn sie bereits sehr jung ein Konzert geben können. Fabian Hambüchen konnte als 7 jähriger schon Beträchtliches. Auch schnelles oder lang andauerndes, schnelles Laufen erfordert eine über das durchschnittliche Maß hinausgehende Begabung, die möglichst früh erkannt werden muss, entwicklungsfähig ist und auch früh in einem bewegungs-fördernden Milieu in vielfältiger Weise und altersgerechten Trainingsbelastungen auszuprägen ist.

„Liebe Eltern, mein Rat: bringt eure Kinder zum Sport, sich sportlich zu betätigen ist für jedes Kind eine Bereicherung. Ich bin von meinen Eltern als Kleinkind mit in die Turnhalle genommen worden, weil mein älterer Bruder dort aktiv war. Und es war das Beste, was mir passieren konnte. Im Sportverein habe ich alles gelernt: was Disziplin und Willen ist. Ich habe Freunde gefunden. habe gelernt, anderen Hilfestellung gegeben, Teamwork und Biss vermittelt bekommen. Es muss ja nicht unbedingt Fußball sein. Turnen ist eine ideale Sportart, Da wird der gesamte Körper gefordert – nicht nur die Technik des linken und rechten Fußes.“ (Fabian Hambüchen am 20.11.2016 in Bild am Sonntag)

Fazit: Deutschlands Kinder brauchen Milliarden, jetzt – für Gesundheit, Bildung & Erziehung, Entwicklung ihrer Intelligenz und zur Ausprägung ihrer Talente, Schulsport & Vereinssport, Fachpersonal und für alles – sehr dringend – moderne Bedingungen. Baustelle Deutschland – es gibt viel zu tun mit dafür viel zu wenig Geld! 

Foto: pulsschlag: Start zum Kinderlauf beim Citylauf in Norden 2016

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