Wenn die Glocken läuten…

TRAILRUNNING. Letzte Woche waren Rainer und ich mal wieder gemeinsam unterwegs. Kaum zu glauben aber es hatte tatsächlich geschneit. Zumindest an den Ausläufern der Ostalpen spielte das Wetter noch nicht ganz verrückt.

Wir wollten den frischen Schnee unter unseren Füßen spüren. Und zwar ohne Skier. Die Strecke war eine unserer Hausrunden und somit nur insofern was besonderes, da wir im neuen Jahr erst einmal das Vergnügen hatten, bei Schnee diesen Berg zu beackern.

Wie es so bei einem Bergtrail ist, kämpften wir uns erst einmal bergan. Und das fiel mir an jenem Tag echt schwer. So eine Trainingseinheit ist ja immer Tagesform abhängig. Die ersten 10 Minuten schnaufte ich wie eine Lokomotive, fühlte mich kraftlos und dachte mit bangen Gedanken an das, was da noch kommen sollte. 1.000 Höhenmeter waren heute definitiv nicht drin. Denn heute schien weder mein Tag noch ich in Form zu sein.

Das Wetter war feucht-neblig und wir uns sicher, an einem Mittwoch Vormittag so ziemlich alleine unterwegs zu sein. Zu unserer Überraschung sahen wir dann aber Spuren im Schnee. Sofort war der Urtrieb wieder geweckt. Wessen Spuren führen hier entlang? Früher, in der guten alten Zeit, da war das Spurenlesen lebenswichtig. Zu wissen wer auf dem selben Weg unterwegs war konnte über Leben oder Tod entscheiden. Räuber, wilde Tiere, essbare Tiere oder eine Sklavenkarawane?

Im Laufe der Jahrhunderte ist die Gabe des Fährtenlesens leider verloren gegangen. Aber nicht für mich. Jeder weiß wie sehr ich mich unseren Ahnen verbunden fühle. Also hefte ich meinen Blick wild schnaufend in den Schnee. Ich versuche jedes Detail am Boden zu erhaschen, fühle mich wieder im Einklang mit der Natur und als ein alter Neandertaler. Ein Neandertaler, der sich in seiner High-Tech-Kleidung durch die Elemente kämpft.

Doch wer nicht mal mehr Fuchs, Luchs und Hundespuren ovneinander unterscheiden kann, dem bleibt nur, sich auf die Fußstapfen zu konzentrieren und z.B. die Abdrücke den jeweiligen Schuhmarken zuzuordnen. Wir verfolgen also die Spur und diskutieren, wem sie gehören könnte. Dieser Schuh scheint ein Bergschuh zu sein. Nicht das typische Profil eines Salomon Speedcross oder Vivo Barefoot. Sondern fester Tritt, ganzes Profil, tief eingesunken. Ein Wanderer also. Mit Stöcken bewaffnet, was an den Löchern links und rechts der Schuhabdrücke zu erkennen ist. Stolz gebe ich meine Beobachtungen an Rainer weiter. Auch interpretiere ich noch, dass es sich um einen älteren Mann handeln muss, der diese Strecke zu kennen scheint. „Aha“, ist die einzige Antwort von Rainer. Dieser Ignorant. Plötzlich hängen ein Paar Äste im Weg. Rainer geht voran, schiebt die Äste beiseite und steigt in einem harten Rechtsschwenk eine steile Kuppe hinauf. Nachdem auch ich den Ästen ausgewichen und Rainer rechts herum gefolgt bin, scanne ich mit geschultem Auge wieder den Schnee vor uns. Die Abdrücke des Wanderers sind verschwunden. Zufrieden melde ich meine Entdeckung: „Du Rainer, der Typ hat es nicht weiter geschafft und ist hier wieder umgekehrt. Die Spuren sind weg.“

„Nö“, antwortet Rainer, „der ist da geradeaus weiter marschiert, wo wir rechts rum sind.“

Mist.

Nach 400 Höhenmetern und einer dreiviertel Stunde verschneiten Marschierens lassen wir den Wald hinter uns und kommen in ein Almengebiet. Im Winter wird hier Ski gefahren. Doch um diese Zeit und bei diesem Wetter sind wir alleine. Lediglich ein Pistenfahrzeug kämpft sich durch den Nebel. Ideale Bedingungen für ein paar stimmungsvolle Fotos, finde ich und packe mein Handy aus. Die ersten Versuche, den Touchscreen zu aktivieren scheitern kläglich und die Pistenraupe droht schon, aus meinem Blickfeld zu verschwinden. Weitere Versuche, den blöden, mit Nebeltropfen benetzten Touchscreen mit meinen kalten Fingern zu bedienen, scheitern. Aber ich hab ja noch meine Kompaktkamera im Rucksack. Ich packe sie aus, mache ein paar Bilder und stopfe sie danach in meine Laufjacke. So habe ich schneller Zugriff auf die Geräte. Meine Laufjacke hat eine große Tasche in der Front, die einem Muff gleicht. Man kann links und rechts die Hände reinstecken und in der Mitte berühren sie sich.

Mit Handy und Kamera im „Muff“ marschieren wir noch einen Anstieg weiter, verlieren aber aufgrund der Kälte und meinem Fitnesszustand die Lust, den Berg ganz zu erklimmen. Also drehen wir um und genießen einen gepflegten Schnee-Downhill auf einer frisch präparierten Skipiste, die uns ganz alleine gehört. Yippiyeahh!

Durch den flotten Laufschritt rutschen die beiden Geräte in meiner Fronttasche ganz nach vorne. Da die Jacke mir ein paar Nummern zu groß ist, hängt sie mir bis an den Oberschenkel. Und bei jedem Schritt knallen mir die beiden externen Geräte an mein internes Gerät.

„Autsch, autsch, autsch…..“

Rainer: „Was ist los? Stein im Schuh?“

„Nein. Meine Glocken werden gerade geläutet, autsch, autsch, autsch….“

Wir hetzen den Hang hinunter, doch bald schon muss ich stoppen und meine Fronttaschen leeren. Unglaublich, wie schmerzhaft diese kleinen Schläge gegen den Schoß sein können. Ich packe die Apparate in den Rucksack und versuche, mich wieder auf die Spuren im Schnee zu konzentrieren. Schon bald sind wir wieder drin im Wald und durch ihn hindurch. Wir nähern uns unserem Ausgangspunkt, da sehe ich frische Tierspuren und Fußabdrücke im noch jungen Schnee.

„Rainer schau nur, da war ein Jogger unterwegs und da, da ist ein Fuchs gekreuzt“, rufe ich ihm aufgeregt zu. Yeah, ich bin wieder in meinem Element. Andreas-Neandertalensis, haha. Wir laufen weiter und entdecken schon bald den Verursacher der Spuren.

Eine Frau, die ihren Hund Gassi führt.

Noch Fragen warum die Neandertaler ausgestorben sind?

Euer Andreas Eberhardt

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