Fellrunning und Red Bull

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TRAILRUNNING. Ach was waren das noch Zeiten als es in Festland-Europa für die Ultras unter den alpinen Wettkampfschweinen nur eine handvoll Highlights gab; Ultra Trail de Montblanc (UTMB), Transalpine Run oder den Chiemgauer 100. Die Termine waren noch übersichtlich im Kalender verteilt und der entsprechende Urlaub eingereicht, die Trainingslager im Frühjahr gebucht und alle waren zufrieden.

 

Vor 5 oder 6 Jahren explodierte dieses altbewährte System. Internet und Auftritte ausländischer Läufer (die kamen und gewannen, oder aber sie kamen und brachten Wettkampftipps aus Ihrer Heimat mit) eröffneten den reisewilligen Athleten ungeahnte Horizonte.Vor allem in Spanien und Frankreich, erfuhr man staunend, da ging die Post schon seit vielen Jahren ab. Und dann waren da noch die Briten. Bei denen rannte man nicht „Trail“ sondern „Fell“, aber egal wie, wo und warum sie dieses mitschleppten, dieses Fell verlieh Ihnen offenbar mehr Flügel als uns das stete trinken dieser klebrigen Brause aus Österreich. Die von der Insel hatten den Dreh raus. Dem Fellrunning entsprangen extrem beständige Sieger und Weltmeisterinnen bei allerhand alpinen Laufveranstaltungen.

Oh Mann. Jetzt ist bereits Mitte Februar und ich bin mit meiner Jahresplanung immer noch nicht durch. Zu viele Events locken, zu viele Termine, die man verpassen könnte und von den irren Kosten mal ganz zu schweigen.

Aber egal wie oft ich die Laufkalender unseres Planeten durchforste. Ich werde mehr als ein Leben benötigen, um all die Gegenden zu erobern, die dort beschrieben sind. Vielleicht müsste mal jemand das „1000 things before you die“ Buch für uns Trailläufer schreiben. Oder lieber doch nicht. Der Frust wäre noch größer und die Qual der Wahl triebe mir noch mehr Tränen in die Augen.

Was vor einigen Jahren noch Wunschdenken einiger Weniger war, ist mittlerweile Standard. Der Überbegriff Trailrunning scheint mit einem Mal omnipräsent.

Am Kiosk liegen Trailrunning-Magazine, im Netz stehen Online-Plattformen und Foren, man kann Trainingslager buchen, ins spezielle Frauencamp fahren, Indoorwettkämpfe bestreiten, über spezialisierte Veranstalter an Events am A.d.W. teilnehmen und Produkte erwerben, die nicht aus dem Berg-, Rad- oder Wandersport ausgeliehen, sondern gezielt für uns Alpin-, Wald- und Ackerjäger hergestellt wurden. Auf Facebook gibt es eine Trailrunnerbörse, es gibt Verbände (ITRA, ATRA etc.), welche Meisterschaften organisieren, Streckenlängen vorgeben und Regelwerke erstellen (Für und Wider Derselben heben wir uns für eine gesonderte Betrachtung auf). Und es gibt Fernsehwerbung! Läufer, die bis dato nur der Szene bekannt waren sind nun einem Millionenpublikum bekannt. Und sogar die größten Ausrüster sind in der Trailrunning-Welt angekommen.

Ein neuer Markt? Oder auch nicht.

Komisch, dass immer erst ein englischer Name für eine an sich doch alte Sportart benötigt wird, damit Marketing greift. Denn Wald- und Crossläufer hätten sich schon vor 30 Jahren über grob profilierte Laufschuhe und ultra leichte, enganliegende Rucksäcke gefreut und dadurch eine wachsende Anhängerschaft gehabt. Warum also jetzt erst?

Seit einigen Jahren sickert der englische Begriff des Trampelpfadläufers auch immer tiefer in das Verständnis der Bevölkerung. Zumindest in das jener, die mit Berg- und Laufsport etwas zu tun hat. So erinnere ich mich an unzählige Trainingseinheiten in den bayerischen Alpen, wo Wanderer und Seilbahntouristen staunend und mit offenen Mündern stehenblieben, wenn wir an ihnen vorbei trabten oder uns einen technisch schwer zu gehenden Abhang hinunterstürzten, den so mancher gealterte Sandalenträger im gemusterten Hemd nur auf allen Vieren zu bewältigen vermochte. Diese Erlebnisse werden aber immer seltener. Trailrunning hat schon einen gewissen Bekanntheitsgrad und der Läufer im Gebirge ist keine Ausnahmeerscheinung mehr. Der Sandalenträger allerdings auch nicht. Er wird vermehrt dort gesichtet, wo Seilbahnen verkehren und der Berg ohne große Anstrengung erobert werden kann. Neuerdings aber auch abseits der Gondeltrassen. Dort handelt es sich jedoch um Sandalenträger eines ganz anderen Kalibers, ohne Birkenstock und Hawaiihemd (siehe Trailgeflüster „Aztekenstyle“).

Trailrunning ist erwachsen geworden und in der Welt des Business angekommen.

Nie gab es so viele Veranstaltungen und Wettkämpfe wie in der heutigen Zeit. Die Terminkalender sind vollgestopft, die Stars der Szene finden ein Auskommen, das Internet bietet endlose Möglichkeiten, sich mit dem Sport auseinanderzusetzen und die sozialen Medien fluten uns mit Bildern, Ergebnissen und „Must Haves“. Das ist einerseits gut für uns als Konsumenten und Händler, andererseits geht ein Stück Freiheit verloren. Denn ich fühle mich gefangen. Und zwar gefangen am Computer. Da sitze ich reglos und seit Stunden vor dem Bildschirm und grase den Globus nach dem passenden, dem einzigartigen Trail ab. Ich will beim ultimativen Rennen starten und die perfekte Ausrüstung tragen. Am besten einen Rucksack, der sich selbst trägt, ein Shirt für alle Wetterlagen, ich will Schuhe, deren Profil sich jedem Untergrund anpassen, eine Uhr die mit mir spricht und ALLES kann und ich will einen Trainingsplan, der mich weltmeisterlich macht.

Und so verschmelze ich, anstatt in der Natur zu sein, mit dem doofen Bildschirm. Und statt draußen über die Felder zu hetzen und Rehe zu beobachten, sitze ich reglos vor dem blöden Gerät und verfluche mich selbst.

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Gibt es einen Ausweg?

Nachdem meine Urlaubsplanung schon fast daran gescheitert war, dass Frau und ich vor dem Überangebot der Internet-Reiseportalen kapitulieren mussten, erkannten wir bald schon, dass auch noch so gründliches Suchen und surfen nie zum günstigsten und besten Urlaub führen kann. Immer tut sich eine neue Alternative auf. Also haben wir den Stecker gezogen und sind, ganz altmodisch, zum Reisebüro marschiert.

Dort sprachen wir mit Fachkräften, hatten Ansprechpartner und unterstützten gleichzeitig noch, ganz anti-Geiz-ist-geil, ein paar regionale Arbeitsplätze

In Bezug auf Trailevents und die passende Ausrüstung, da gibt es zwar keine Reisebüros und keinen Händler der ALLES hat. Aber ich höre jetzt mehr auf Tipps von Läufern und Medien, überlege mir genau, wo ich hin möchte und was ich wirklich brauche und grenze so schon vorab meine Auswahl ein.

Und wie durch ein Wunder verbringe ich wieder mehr Zeit an der frischen Luft und treffe Menschen. Also nicht irgendwelche virtuellen Gestalten. Nein. Richtige, lebende Menschen, beim Laufen und in diversen Geschäften.

Dort wollen die mir dann zwar auch allerhand Zeugs verkaufen, was ich nicht brauch. Aber egal.

Hauptsache mal weg vom Computer.

Euer Andreas Eberhardt

Fotos: Archiv: Andreas Eberhardt / Chiemgauer 100

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