Motivation ist für die Lauf – Leistung genauso wichtig wie Tempoläufe

TIPPS VOM PROFI. Zur Rolle psychischer Einflussfaktoren aus Trainersicht.

Im Verlaufe der Jahre an der Laufbahn, bei Straßenwettkämpfen und beim Cross wurde mir immer bewußter, dass jede positive, aber auch jede negative Leistung ein Produkt von „Beinen und Kopf, von Körper und Geist“ ist. Dabei sind Niederlagen wichtige Voraussetzungen für den Leistungsfortschritt, wenn sie entsprechend sachlich aufgearbeitet werden. Nicht selten gehen die Meinungen über den Anteil des „Kopfes“ an der Leistung auseinander. Ohne eine konkrete Zahl zu kennen, der Anteil psychologischer – mentaler Faktoren an einer Leistung ist zwar individuell unterschiedlich, aber doch sehr hoch. Ich glaube, das mindestens 30 % aller Athleten (oder auch mehr) ihre mögliche sportliche Leistung bei wichtigen Wettkämpfen nicht auf die Bahn bringen, weil ihre mentale Stärke, ihre Versagensängste, die reale Einschätzung der Leistungsmöglichkeiten oder das mangelnde Selbstvertrauen es zulassen, das die Gegner überschätzt und die eigene Leistungsfähigkeit unterschätzt werden. Das Prädikat „Trainingsweltmeister“ ist schnell verteilt, ohne zu bedenken, ob die gemeinsame Trainingsarbeit der letzten Jahre den Aufbau der mentalen Stärke auch beinhaltete. Viele werden von frühester Jugend an mit dieser Problematik zu wenig konfrontiert.

 

Von Lothar Pöhlitz

Der emotionale Zustand eines Läufers spiegelt sich in seinem Auftreten, in der Körpersprache und in seinem Verhalten gegenüber seinen Gegnern wider. Sie werden gestärkt, sicherer, wenn man sich selbst blass, defensiv, ängstlich in die zweite Startreihe stellt und sich in der Herausforderung eines Startabschnittes ohne große Gegenwehr freiwillig hinten einordnet. Wer aber mental stark und fit ist zeigt es und kämpft von Beginn an (wie die Afrikaner) um einen „Platz an der Sonne“.

Zu oft beobachtet man wie Sportler bei entscheidenden Wettkämpfen „mit angezogener Handbremse“, d.h. nicht locker und entspannt oder auch einmal offensiv ihren Wettkampf bestreiten. Dies ist den meisten Trainern zwar bewusst, trotzdem ist die Zeit die sie zur Beseitigung psychischer Bremsklötze aufwenden, im Rahmen der Trainingsarbeit oft zu gering. Es gibt viele hilfsbereite Sportpsychologen, aber die Antwort mit welchen Athleten sie eigentlich ihr Geld verdienen, kommt in der Regel nicht an die Öffentlichkeit. Dies wird durch die Erfahrung unterstützt, dass die Sportler aus allen Sportarten die zu den bekannten Sitzungen (nicht nur auf der Couch!) gehen, es gern verschweigen. Es sind mehr als man bereit ist zu glauben.

Egal wie, die Handbremse muss gelöst werden!

Graphik Motivation

Sportler mit psychischen Defiziten erreichen das Podium selten

Von den Sportwissenschaften steht die Sportpsychologie noch zu abseits, die Sportpsychologen nehmen eine zu defensive Stellung ein. Aber die Trainer haben daran einen beträchtlichen Anteil, weil viele nicht gern öffentlich machen, dass sie die Hilfe von Psychologen nutzen. Auch wenn etwas zu tun nie zu spät ist, sollten die Trainer, vor allem auch von Talenten, ihr eigenes Wissen in diesem Bereich verbessern und den Anteil des „geistigen Trainings“, der Erziehung zum Leistungsathleten, der Motivation, des Aufbaues eines möglichst großen Selbstvertrauens optimieren. Sportler mit großen psychischen Defiziten erreichen den Hochleistungsbereich meist nicht, oder sind dort bei wichtigen Wettkämpfen nicht erfolgreich. Es ist verdammt schwer, wenn nicht unmöglich, Versäumtes aus dem Grundlagen- und Aufbautraining später nachzuholen bzw. zu korrigieren. Die Entwicklung und Ausprägung der psychischen Eigenschaften muß schon früh Bestandteil der Ausbildung sein weil erst eine optimale Bewältigung und Umsetzung der Trainingsleistungen positive Wettkampfergebnisse ermöglicht. Dies sind vorrangig ein hohes Selbstvertrauen, eine reale Selbsteinschätzung, keine Überschätzung der Gegner, eine hohe Konzentrations- und auch Mobilisationsfähigkeit und eine schnelle Anpassungs- und Umstellungsfähigkeit auf unerwartete Situationen.

Der Umgang mit Niederlagen ist eine hohe Trainerkunst

Vor allem der Umgang mit unerwarteten Niederlagen ist sowohl für die Sportler als auch für ihre Trainer nicht immer glücklich. Oft ist es besser, erst eine Nacht darüber zu schlafen, als kurz nach dem mißglückten Rennen mit unüberlegten Konfrontationen viel Porzellan zu zerschlagen und das Selbstvertrauen in den Keller zu verbannen. Vor allem sollten schnelle falsche Schuldzuweisungen vermieden werden, weil dadurch erste Risse ins gute Athleten-Trainer- Vertrauensverhältnis kommen. Nutzen sie die Niederlage besser um in den nächsten TE auf die Fehler zurückzukommen und durch praktisches Üben den nächsten Wettkampf besser vorzubereiten.

Jede Niederlage beinhaltet die Lehren für demnächst, man muss die Fehler aber aufarbeiten.

Effektive Ausbildung, bedeutet auch für die Leichtathletik-Verbände der Sportpsychologie mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Im Rahmentrainingsplan des DLV für das Aufbautraining Lauf (1992) wurden lediglich 1 ½ Seiten diesem Ausbildungsschwerpunkt gewidmet. Dabei müssten die Sportler weniger zum Psychologen, wenn die Trainer auch diese „Wissenschaft“ besser beherrschen würden.

Versetzen Sie ihre Sportler in die Lage ihr volles Leistungspotential auszuschöpfen, wenn es darauf ankommt. Gute Kondition, hohe sportliche Form allein reichen nicht, Training dient dem Ziel, Bester zu werden.

Die psychophysische Belastbarkeit wird durch Bewährungssituationen ausgeprägt

Am besten ist wenn auf eine sehr gute sportliche Form gleichzeitig eine sehr gute psychologische Verfassung, ein psychologisches Hoch trifft. Sportlern, denen es gelingt bei wichtigen Wettkämpfen eine solche persönliche Hochstimmung in den Wettkampf einzubringen (neudeutsch „Spaß am Kampf um den Sieg haben“, aber bitte auf höchstem Niveau) und über das erforderliche Selbstvertrauen für die gewünschte Leistung zu verfügen, sind in der Regel auch in der Lage gute Leistungen abzuliefern (ein sehr gutes Beispiel dafür war über viele Jahre wohl Haile Gebreselassi, er zeigte seinen Spaß am schnellen Laufen und gewinnen). Auch wenn Talent und Persönlichkeit für den Erfolg wichtige Grundbedingungen sind, sowohl ruhige, introvertierte, als auch lebhafte mit großer Klappe haben sich als erfolgreiche Wettkämpfer durchgesetzt. Eine hohe psychophysische Belastbarkeit wird aber bei allen zunächst durch geschaffene Bewährungssituationen im Training, später durch zu lösende Aufgaben in Wettkämpfen ausgeprägt. Das setzt aber auch voraus, dass die Athleten nicht gleich zurückgepfiffen oder gemaßregelt werden, wenn die ersten 200 m eines Trainings- oder Wettkampflaufes zu schnell geraten ist.

Tiefs und Stagnationsphasen sind Teil des Erfolgsweges. Bedingungen aber sind: Enttäuschungen verarbeiten – aufstehen – härter arbeiten – Gegner analysieren – sich selbst vertrauen – siegen wollen !

Mentales Training ist leistungssteigernd, wenn es Bestandteil des Trainings ist und die eigenen Praxiserfahrungen erweitert. Dabei gibt es keine schnellen Erfolge wenn man Konzentrationsschwierigkeiten oder hemmende Ängste abbauen bzw. Willensstärke und Motivation für die im Hochleistungstraining erforderlichen Grenzbelastungen aufbauen will. Auch die Entwicklung einer Persönlichkeit mit allen Voraussetzungen zu großen Siegen geht nicht von heute auf morgen. Psychologisches Training ist für die Endleistung genauso wichtig wie das Wissen um das Hochleistungstraining, die Regeneration, die Leistungsphysiologie, die Ernährung oder die Physiotherapie. Persönliche Bestleistungen im Training sind die besten Voraussetzungen für persönliche Bestleistungen auch in Wettkämpfen.

Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein müssen erarbeitet werden, sie sind nicht angeboren oder gottgegeben.

 

Foto: Jörg Valentin / Mini-Internationales Koblenz 2015: Lauf der Frauen und U20 über 5.000 m.

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