Im Schatten der Achttausender: Himalayan 100 Mile Stage Race

SZENE. Im Norden des indischen Bundesstaates West Bengalen, im Hochland von Darjeeling, dem berühmtesten Teeanbaugebiet der Welt, liegt ein besonderer Ort: Sandakphu. Es heißt, dass seinerzeit im 19. Jahrhundert Fürst Aga Khan von einem Ort hörte, der den Blick auf vier der fünf höchsten Berge der Welt freigibt: Makalu (8.485 m), Lhotse (8.516 m), Kangchendzönga (8586 m) und Mount Everest (8.848 m). Der Fürst ließ eien Straße dorthin bauen und fast genau diese Route beschreibt die erste Etappe des Himalayan 100 Mile Stage Race. Vom Start in Maneybhanjang (2.134 m) müssen 38 km und 2.000 Höhenmeter auf steilen Kehren und durch subtropischen Regenwald bewältigt werden. Die Strecke ist eine Folter für die Laufwerkzeuge, denn sie führt gut zur Hälfte auf einem „British Trail“ –in den Boden gestampfte, unbehauene Natursteine- bis nach Sandakphu in 3.636 m Höhe, wo die Läufer für die kommenden zwei Tage in Berghütten einquartiert werden. Der fünftägige Etappenlauf über 161 km wird seit 28 Jahren von Chander Shekhar Pandey und seiner Agentur Himalayan Run & Trek organisiert und ist somit eines der am längsten existierenden Abenteuerrennen auf der Welt.

Von Sefan Schlett (Text und Fotos)

Die in Delhi ansässige Reiseagentur ist spezialisiert auf Bergbesteigungen, Expeditionen und Trekkingtouren in unberührte Gegenden des Himalaya. Cheforganisator Pandey selbst hat bereits mehr als 80 Hochgebirgsexpeditionen geleitet, ist ehemaliger Freikletterer und machte Ausdauersportarten wie Laufen, Mountainbiken und Schwimmen populär. In Indien gilt er als einer der Pioniere im Bereich Abenteuersport, Trailrunning und Outdoor-Aktivitäten. Himalayan Run & Trek besitzt somit das entsprechende Know How für ein derart aufwendiges Rennen, dass von einem professionellen Team mit immensem Aufwand perfekt organisiert wird. Auf die alljährlich 50 bis 60 Läufernnen und Läufer aus aller Welt wartet ein atemberaubender Rundkurs am Fuße des Himalayas, mit Blick auf die höchsten Berge der Welt.

Müllsammler in Laufschuhen

Die klirrend kalte und sternenklare Nacht in der dünnen Höhenluft von Sandakphu wird von einem berauschenden Sonnenaufgang abgelöst. Kurz nach 5.00 Uhr tauchen die „Big Four“ am Horizont auf. Lhotse, Everest und Makalu thronen bescheiden in über 200 km Entfernung, an der Grenze Nepal/Tibet. Während die nur 80 km entfernten Eiswände des Kangchendzönga, dritthöchster Berg der Erde und östlichster Achttausender, an der Grenze Nepal/Sikkim übermächtig erscheinen. Vor dieser majestätischen Kulisse verläuft die zweite Etappe über 32 km. Der Wendepunktkurs führt entlang eines Höhenkammes, immer scharf an der Grenze zu Nepal entlang und kommt auf jeweils 600 Meter im Auf- und Abstieg.

Wärmende Betten, hygienisch einwandfreies Trinkwasser und Verpflegung, ärztliche Versorgung, adäquate sanitäre Einrichtungen und Gepäcktransport gehören mit zum „Rundum Sorglos Paket“ von Himalayan Run & Trek – keine Selbstverständlichkeiten in dieser abgeschiedenen Gegend und nur mit großem Aufwand zu organisieren. So arbeiten im Verlaufe des Rennens knapp 300 Personen u. a. als Köche, Träger, Streckenposten, Fahrer, Zeitnehmer etc. Organisator Pandey trifft mit einem Stab von Mitarbeitern bereits zwei Wochen vor dem Rennen ein, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen und einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Seiet Gründung des Rennes vor 28 Jahren blieb die Streckenführung unverändert. Großen Wert wird auf ein ökologisch einwandfreies Event gelegt. Sämtlicher anfallender Müll wird während der Veranstaltung anfällt. Es gibt sogar einen alljährlichen Sonderpreis für den Teilnehmer, welcher unterwegs den meisten Müll aufsammelt, der von unachtsamen Wanderern zurückgelassen wurde.

Talwärts durch einsame Bergdörfer

Die Marathonetappe am dritten Tag ist größtenteils identisch mit dem Vortag, stürzt dann aber auf dem letzten Drittel 1.600 Höhenmeter ab und bringt die Teilnehmer wieder zurück in die Zivilisation. Das Ziel befindet sich in der 1.900 m hoch gelegenen Ortschaft Rimbik, direkt an der Grenze zu Sikkim. Hier beginnt wieder eine Asphaltstraße, die Unterkünfte sind in bequemen Gasthäusern, es gibt eine Verbindung zur Außenwelt, in Sikkim gebrautes Bier und Coca Cola. Wie anspruchsvoll der Marathon ist zeigt die Siegerzeit von 5:52 h, während der letzte Teilnehmer weit nach Anbruch der Dunkelheit in knapp 13 Stunden das Ziel erreicht. Die beiden letzten Etappen führen über eine mit Schlaglöchern durchsetzte Asphaltpiste durch liebliche Hochgebirgslandschaften, vorbei an einsamen Bergdörfern und durch dunkle, kühle Pinienwälder. Die multikulturelle Bevölkerung aus Nepalesen, Tibetern, Bhutanesen und Bengalis verfolgt begeistert das Treiben der ebenso bunten Lauftruppe aus neun Ländern. In Maneybhanjang, dort wo fünf Tage zuvor alles begann, endet der große Rundkurs durch eine der wildesten Regionen dieser Erde.

Echte Goldmedaillen für die Sieger

Den Gesamtsieg holte sich bei den Männern der Brite Phil Martin in 19:13 h. Eine erstaunliche Leistung angesichts der Tatsache, dass der 38-jährige Athlet vor dem Rennen noch nie über den höchsten Berg seines Landes (Ben Nevis in Schottland, 1.345 m) hinaus kam. Mit glatten 20 Stunden holte sich die um ein Jahr jüngere Amerikanerin Angela Meyer den zweiten Gesamtplatz. Unter den 44 Teilnehmern aus 9 Ländern stellten die Deutschen Athleten hinter den USA und Großbritannien das drittstärkste Kontingent. Dabei erreichte die Hamburger Studentin Svea Lübstorf mit einem dritten. Platz beim Marathon (hier gibt es eine extrawertung) und dem verten Gesamtplatz bei den Damen in 23:10 h das beste Ergebnis. In der Geschichte des Events gab es bisher zwei deutsche Erfolge: Gabriel Seiberth und Sonja Braun belegten 2014 den jeweils ersten Platz bei Männern und Frauen, und der Autor konnte im Jahre 2000 den Gesamtsieg einfahren.

Beim abschließenden Galadinner in dem 1.650 m hoch gelegenen Gebirgsweiler Mirik wird jeder Teilnehmer einzeln geehrt und erhält ein hochwertiges Erinnerungsgeschenk. Die Sieger bekommen eine Medaille aus 22 Karat Gold überreicht, die zu Ehren von Baba Sant Nagpal benannt ist, einem der berühmtesten spirituellen und moralischen Führer Indiens. Dieser war es auch, der Pandey vor knapp drei Jahrzehnten zu diesem faszinierenden Etappenlauf durch den Himalaya, im Schatten der Achttausender, inspirierte. In den riesigen Tempelanlagen von Baba Sant Nagpal im Herzen Delhis bringt der Renndirektor jeweils vor und nach dem Event Gebete und Opfergaben dar, was zu helfen scheint, denn in all den Jahren hat es noch nie einen ernsthaften Unfall beim Himalayan Stage Race gegeben…

Titelfoto: Der Deutsche Dirk Horn und die Britin Kim Ingleby beim Zieleinlauf 2. Etappe

Einiges mehr zum Himalayan 100 Mile Stage Race findet ihr in der aktuellen Ausgabe eurer LAUFZEIT&CONDITION

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