Dem Alter davonlaufen oder in das Alter hineinlaufen

GESUNDHEIT.Noch steigt die Lebenserwartung in unserem Lande. Noch sage ich bewußt, denn ein Blick auf die „digitalisierte“ Jugend und in den Sommermonaten gut sichtbar, auf das Durchschrittsgewicht der Bevölkerung, lässt vermuten und erste wissenschaftliche Veröffentlichungen sprechen eindeutig für das Ende dieses Wachstums, eine Umkehr ist zu erwarten. Eine explosiv wachsende Gesundheitsindustrie verspricht allerdings mit einer Fülle von Vitaminen, Nahrungsergänzungen, Ernährungsphilosophien etc. ein gesundes Leben bis ins hohe Alter. Seriös dokumentiert, gibt es für mich nicht ein einzigen glaubhaften Nachweis für die Wirksamkeit dieser Produkte und Ernährungsphilosophien. Die neuen Götter heißen Veganus, Vegetarius, Paläontus und andere. Täglich kommen neue hinzu. Dazu gesellen sich täglich neue Apps, die uns erklären wann wir aufstehen müssen, was wir zu frühstücken haben, wieviel Schritte wir laufen müssen usw. Derzeit kursieren allein in Deutschland über 85.000 solcher „Gesundheits-Apps“, weltweit sind es über Millionen. Die totale Digitalisierung mit absoluter Transparenz des Individuums schreitet unaufhaltsam voran. Ziel ist eine gnadenlos kommerziell orientierte Fremdbestimmumg. Ergänzt wird dann das Bild durch Coaching für Jedermann in eine unmiformierte Lebensphilosphie.

Von Dr. med Willi Heepe

Sport als einziges seriöses Medikament

Auch der Sport macht vor diesen Trends nicht halt. Gerade weil gesundheitsorientierter Sport bis heute das einzige seriöse „Medikament“ ist welches völlig ohne Nebenwirkungen dem Alter die Schrecken nehmen und eine hohe Lebensqualität bis zum letzten Atemzug bieten kann. Genau diese Tatsache ist einer unheimlich wachsenden Fitnessindustrie bekannt und ins unendliche wachsend werden Fitness-Tracker, Trainings-, Ernährungs- und Nahrungsergänzungsprogramme sowie Verhaltensregeln ohne Ende angeboten. Beim näheren Hinsehen stehen selbstverständlich immer Profitinteressen dahinter. Die Umsatzzahlen dieser Branche dokumentieren jedoch eindeutig. Für den Laien ist das nicht immer nachvollziehbar.

Was stört mich daran gewaltig? In diesem Trend gibt es kein Individuum mehr. Jeder Benutzer dieses Geräteparkes wird nach statistischen Mittelwerten auf die Piste geschickt und ausschließlich fremd bestimmt verarbeitet. Dabei wird die Tatsache übersehen, dass gerade beim Älter werden die Individualität des einzelnen Menschen immer deutlicher erkennbar wird. Das gilt ganz besonders für Sportprogramme. Seit Jahrzehnten werden unserer sportmedizinischen Praxis Leistungsdiagnostik und Trainingsberatungen vorgenommen. Grundlage ist immer eine sorgfältige individuelle körperliche und psychische Analyse sein, um ein dem Alter angepasstes Trainingsprogramm zu empfehlen. Zu berücksichtigen ist dabei der Gesamtgesundheitszustand, insbesondere Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, Arterielle Hypertonie, koronare Herzerkrankung, Herzrhythmusstörungen, degenerative Gelenkerkrankungen usw. Was mir besonders auffällt ist die Fehleinschätzung des eigenen Ist-Zustandes vieler Menschen, die sich ausschließlich auf computergestützte Bewegungsprogramme verlassen. Damit sind in vielen Fällen Folgeschäden vorprogrammiert und das eigentliche Ziel wird verfehlt. Insbesondere fehlen gezielte Ansätze die speziell auf die bestehenden Alterserkrankungen eingehen und sie berücksichtigen. Des weiteren sind die Erholungszeiten bei älteren Menschen zum Teil extrem verlängert und bedürfen einer besonderen Beachtung. Sie schwanken zum Teil extrem. Die Forderung ist ganz eindeutig:

Spaß am Sport im Alter vermitteln

Jeder ältere Mensch den wir zum sportlichen tun gewinnen, sollte sorgfältigs untersucht werden. Gegebenenfalls muss eine sportgerechte Medikation einer bestehenden Krankheit eingeleitet werden. Dabei gilt insbesondere eine sorgfältige Einstellung der Blutdruckregulation ohne das lebensqualitäteinschränkende Nebenwirkungen erfolgen. Anschließend empfiehlt sich immer eine Leistungsdiagnostik, am besten spiroergometrisch. Mit den dann vorliegenden Daten sollte von erfahrenen Trainern und Ärzten eine langfristig angelegte Sportberatung erfolgen. Sie setzt auch voraus das vor ab für das Individuum die geeignete Sportart ermittelt wurde.

Gerade der ältere Mensch neigt dazu das sportliche Tun wieder einzustellen wenn es ihm keinen Spaß macht und eine ausschließliche Pflichtübung ist. Aus diesem Grunde ist die psychische Analyse für die Selektion der Sportart eine absolut wichtige Aufgabe. Gelingt es Spaß am sportlichen Tun zu vermitteln, bleiben die Menschen auch langjährig dabei. In der Entwicklung der großen Herz-Sportgruppe kann ich das aus eigener Erfahrung dokumentieren. Aus diesen Erfahrungen leitet sich auch ab dass sportliches Tun in einer sorgfältig zusammengestellten Gruppe am meisten Spaß bringt und damit auch den besten gesundheitlichen Effekt erzielt. Was beim älter werden ganz hinten stehen muss sind extreme Leistungsgedanken und imaginäre Ziele die durch verschiedene Trainingsprogramme vermittelt werden. Auch hierfür habe ich genügend Beweise. Ansonsten ist dann der Schaden größer als der Nutzen. Ein negatives Beispiel aus einer Werbung, „Wir wecken den Sieger in dir“. Bis zum 35. bis 40. Lebensjahr ist das zu akzeptieren anschließend sollten Spaß und gesundheitliche Aspekte progressiv nach vorne rücken. Die Digitalisierung unseres Lebens geht mit solch einer Rasanz zu Werke das einem schwindlig werden kann. Wer sich ihr gläubig hingibt wird eher krank als gesund und landet irgendwann beim Psychiater. Wir im Sport müssen Eigenverantwortung und Eigenbestimmung hochhalten und dem sich entwickelnden kommerziellen Wahnsinn auf die Bremse treten.

 

Foto: Weising / Jung und Alt laufen alljährlich, wie anderswo auch, beim Rennsteiglauf gemeinsam ins Ziel in Schmiedefeld. Kinder und Jugendliche von klein auf  für Sport zu begeistern, nimmt an Bedeutung zu im von Bewegungsarmut gekennzeichneten digitalen Zeitalter. Zugleich erhöht es die Chance, dass sie auch mit voranschreitenden Alter im eigenen Gesundheitsinteresse in Bewegung bleiben.

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