Auf ein Wort: Kipchoge`s Rekord und die Folgen

SZENE. Berlin im September 2018. So könnte beinahe ein Blockbuster aus Hollywood beginnen. Inhalt, ein Mann der gegen jede logische Regel verstößt, mit dem man mitfiebert und am Ende mit Ihm seinen Erfolg feiert. Zugegeben, solche Filme sind ja mittlerweile Massenware, im Sport allerdings als Handlung immer seltener zu finden.

2:01:39 Stunden ist also nunmehr die Hausmarke der schnellsten Läufer der Welt auf der klassischen Distanz. Ein Tempo von 2:53 min/km mit einem negativem Split auf der zweiten Hälfte. Ich selber war nicht live dabei, nicht live am TV oder Stream sondern selber i.S. laufen unterwegs. Natürlich dauerte es nur Stunden bis ich von diesem Rekord über die klassischen Medien hörte. Okay dachte ich…ein Rekord mit Ansage, nicht nur geringfügig verbessert, sondern die Welt aus dem Marathon Angeln gehoben. Pulverisiert. Grund genug dieses als Aufhänger dieser Kolumne zu nehmen.

Bevor ich weiter schreibe eines vorweg. Ich möchte hier nicht über das Thema Doping sprechen und auch nicht über die wenigen Trainingskontrollen in der Weltspitze. Natürlich ist bei vielen der erste Gedanke in die Richtung gehend. Aber klar ist auch, solange nichts bewiesen ist muss jede Leistung erst einmal als Real angesehen werden, egal wie unglaublich diese auch scheint.

Mich interessierte mehr ein Anderes Thema im Zuge dieses Weltrekordes. Was bedeute dieser für die Laufszene. Lieber Leser frage dich doch einmal selbst. Was hast du in diesem Moment gedacht und was denkst du heute, mit etwas zeitlichem Abstand darüber? Motivieren dich Leistungen die fernab deiner eigenen sind? Können wir etwas daraus lernen?

Ich denke die meisten von uns sind weit jenseits dieses Tempos zu finden. 2:53 min/km wären alleine einmal gelaufen für viele von uns Bestleistung – über 1.000 m.

Lange nachgedacht fiel mir Barcelona 1992 ein. Dieter Baumann wird Olympiasieger über 5.000 m.  Was haben wir uns gefreut, die Zeitungen waren voll, Nachberichte, Homestory und so weiter. Und….da kommen wir jetzt zum Knackpunkt, er hat einen Schub ausgelöst in der Laufszene. Laufen war plötzlich noch hipper als vorher. Die Sponsoren von Dieter konnten sich noch mehr positionieren, viele dachten jetzt über den Kauf einer Pulsuhr nach oder über neue Laufschuhe der Marke. Ja, Erfolge werden vermarktet. Heute noch Dutzend Mal mehr als damals vor 26 Jahren.

Nicht nur durch Dieter wurde die Laufszene immer größer. Es war eine Dynamik zu spüren. Klar, kann man jetzt sagen. Ein Deutscher Läufer wird Olympiasieger, das ist ja auch was. Wieso also der Quervergleich mit dem was vielleicht nach dem Weltrekord kommen kann. Er wurde bei Deutschland größtem Marathon gelaufen, für viele die Krone der Marathonläufe hierzulande. Einmal nach Berlin, der Traum vieler Hobbyläufer. Viele waren live als Starter dabei, noch mehr am TV und haben zugeschaut. Sie haben gesehen das viel mehr möglich ist als man sich vorstellen kann. Tempomacher, brauchte er nicht lange. Er hat gezeigt das mit Konzentration auf die wichtigsten Termine im (Sportler)leben eine ganze Menge drin ist.  FOKUS.

Die Aura mit der Kipchoge nicht nur seit seinem Sub2 versuch in Monza gesegnet ist, kennt nur wenige vergleichbaren Personen auf der Langstrecke. Die wichtigsten sind Cierpinski wenn man die 80er Jahre nimmt, Gebrselassie in den 90ern und Kenenisa Bekele in der 00er Jahren.  Sie alle haben gezeigt das Grenzen im Sport verschiebbar sind. Das man mit kontinuierlichem Training viel erreichen kann.

Doch kann man die deutsche Laufszene durch diesen Weltrekord wieder mehr zu Leistung motivieren? Zahlen belegen es und der Blick in alte Ergebnislisten auch. Der Leistungsschwund ist deutlich zu spüren. Das gilt für die Spitze aber erst recht in der Breite. Andere Sportarten sind interessanter geworden. Man möchte sich nicht mehr mehr Quälen für eine Leistung. Friede, Freude, Fitnesskuchen.   Der Mythos der Leichtathletik hat schwer abgenommen. Warum? Ist die Leichtathletik und der ambitionierte Laufsport nicht mehr sexy genug? Darüber haben sich viele Vereinsvorsitzende den Kopf zerbrochen und der DLV auch., Lösung – Fehlanzeige. Erste Ansätze neue Formate dem Zuschauer in der Leichtathletik zu präsentieren sind da. Aber eben nur als Zuschauer. Spannung beim Indoor ISTAF, aber bringt das dem Breitensportler etwas? Regt es Ihn an selber zu forcieren? Nein. Daher ist vielleicht dieser Weltrekord eine Initialzündung den Laufsport wieder mehr ins Licht der Medien zu rücken. Sicher nicht für alle Läufer/innen. Die Spaßläufer werden weiter aus Spaß laufen, jedes Wochenende woanders. Denen ist die Qualität Ihrer Laufzeit egal. Aber vielleicht ist es der ambitionierte Läufer der darüber nachdenkt sein Trainingsverhalten zu ändern.

Die damalige Sub2 Aktion von einem großen Sportartikelhersteller aus den USA war gigantisch. Alles ausgerichtet auf Kipchoge und zwei weitere Weltklasseläufer, die wie ich meine doch von Beginn an nur als Statisten mitliefen. Gigantisch durchgeplant und ebenso teuer. Aber es war ein Spektakel der die Medien zum Thema Laufsport haben aufhorchen lassen. Genau dieses ist beim Berliner Rekordlauf passiert. Das die Medien in der heutigen Zeit eine ungeheure Macht haben ist bekannt. Wenn das Medium TV so langsam das Interesse daran verloren hat, dessen Uhren drehen sich ja meist schneller, so ist das Medium Internet und Print deutlich langlebiger. Es wird länger darüber berichtet und sich mit der Leistung auseinandergesetzt. So wie wir auch wie Ihr seht.

Das Thema beinhaltet mehr als nur die blanke Zeit. Ihr fragt jetzt ob ich wirklich denke das wir einen neuen Laufboom dadurch erleben werden? Mehr Schuhe verkauft oder die Teilnehmerzahlen bei den deutschen Läufer steigen? Nein, das denke ich nicht. Aber es war für eine unbestimmte Zeit ein Signal des Laufsportes das dieser nicht Tod ist und für wenige Momente die gleiche Aufmerksamkeit bekommen kann wie Fußball, Golf oder Formel 1.

So gehen wir dann ins neue Laufjahr. Ziele für 2019 schon gesetzt? FOKUS oder Fun? Egal, der nächste Weltrekord wird kommen und dann spricht man wieder über „uns“.

In diesem Sinne – Glück auf

Euer Andreas Menz

Foto: Jörg Valentin

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