Gesa Krause bringt Olympiastadion zum Beben

SZENE. Am letzten Abend der Wettkämpfe bei der Leichtathletik-EM in Berlin erschienen wieder 42.350 Zuschauer im Olympiastadion. Sie erlebten erneut einen Sportabend voller Glanzleistungen. In diesem abschließenden Beitrag stehen die ausstehenden drei Ausdauerdisziplinen im Mittelpunkt. Ausnahmslos Frauenläufe.

Zunächst stand das Finale im 1.500 m-Lauf an. Man kann sich kurz fassen. Die haushohe Favoritin, die Britin Laura Muir, ließ keine Zweifel daran aufkommen, dass sie in Europa die Chefin auf dieser Distanz ist. In 4:02,32 min wurde sie mit sicherem Vorsprung klar Europameisterin. Die Silbermedaille gewann Sofia Ennaoui (Polen) in 4:03,08 min und setzte damit die Erfolgsreihe der polnischen Athleten fort. Polen hat sich in den letzten zehn Jahren Schritt für Schritt zu einer führenden, man kann sogar sagen zu der führenden Leichtathletik-Nation unseres Kontinents entwickelt. Die Bronzemedaille sicherte sich Laura Weightman (Großbritannien) mit der Zeit von 4:04,75 min. Aus deutscher Sicht hätten Konstanze Klosterhalfen und Hanna Klein auch starten können. Sie zogen es aber vor, zugunsten des 5.000 m-Laufs darauf zu verzichten.

Konstanze Klosterhalfen in der Spitzengruppe der Frauen über 5.000 m

Eben dieser 5.000 m-Lauf wurde eine Viertelstunde nach den 1.500 m ausgetragen. Aufgrund der Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes war dieses Rennen über die 12 ½ Stadionrunden für die Zuschauer weitaus spannender. Relativ lange führte die Britin Eilish McColgan das Feld an. Sie ist die Tochter einer berühmten Mutter, Liz McColgan. Diese war nämlich bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul Silbermedaillengewinnerin über 10.000 m gewesen und wurde drei Jahre danach in Tokio Weltmeisterin über die gleiche Distanz. Später wechselte sie zum Marathonlauf und wurde u. a. je einmal Siegerin des New York Marathons und des London Marathons. Wen wundert es da, dass sie heute als Trainerin ihre Tochter in die Weltklasse geführt hat. Konstanze Klosterhalfen (Bayer Leverkusen) lief taktisch klug und blieb meistens auf Platz 2 bis 4 in der Spitzengruppe. Fünf Runden vor Schluss lief die Titelverteidigerin Yasemin Can (Türkei) nach vorn, um das Tempo erheblich zu steigern. Ausgerechnet als die entscheidende Phase des Rennens begann, zogen die Stabhochspringer die Aufmerksamkeit auf sich, indem sie erfolgreich 6-Meter-Sprünge in Serie produzierten und dadurch bisher so noch nicht Erlebtes leisteten. Aber die letzten zwei Runden des 5.000 m-Laufs wurden dann dramatisch. Einige Läuferinnen „verwandelten“ sich plötzlich in Langsprinterinnen. Es wurde gespurtet, was das Zeug hielt. Konstanze Klosterhalfen versuchte verzweifelt, mitzuhalten. Aber letztlich musste sie sich mit dem undankbaren vierten Platz zufrieden geben. Ein toller Erfolg, aber eine Medaille wäre ihr natürlich zu gönnen gewesen. Etwas mehr als 6 Sekunden fehlten ihr zur Verwirklichung dieses Traums. Zum großen Star wurde die Niederländerin Sifan Hassan, die der Konkurrenz mit einem fantastischen Endspurt auf den letzten 150 m absolut keine Chance ließ. Ihre Siegerzeit von 14:46,12 min bedeutete Championships-Rekord. Die mutige Eilish McColgan wurde Vize-Europameisterin in 14:53,05 min vor der bereits erwähnten Türkin (14:57,63 min), die eine gebürtige Kenianerin ist. Konstanze Klosterhalfen hat mit ihren erst 21 Jahren bewiesen, dass sie zur Weltklasse gehört. Sie ist mit einer großartigen Tempohärte ausgestattet. Wenn es ihrem Trainer Sebastian Weiß gelingen sollte, nun auch noch ihre Grundschnelligkeit und damit ihr Spurtvermögen zu verbessern, wird es künftig auch zu Medaillen bei Europameisterschaften reichen. Wie das aussieht, wenn Kenia und Äthiopien auf Weltebene mitmischen, ist wieder eine andere Frage. Hanna Klein von der SG Schorndorf musste das Rennen aufgeben.

Gesa Krause auf dem Weg zur Titelverteidigung über 3.000 m-Hindernis (Fotos 2: Petra Juretzki)

Der Knüller des Abends aus deutscher Sicht war dann ohne Frage der 3.000 m-Hindernislauf. Gesa-Felicitas Krause gelang der ganz große Erfolg. Mit ihrer Saisonbestzeit von 9:19,80 min und sehr kluger Taktik wurde sie in Berlin die einzige deutsche Europameisterin auf den Laufstrecken. Auch die Männer schafften keinen Sieg in einem Laufwettbewerb. Zum Rennverlauf ist festzustellen, dass Gesa-Felicitas Krause von Beginn an aufmerksam war und sich immer in der Spitzengruppe aufhielt. Zum Beispiel nach 2 ½ Runden lag sie an fünfter Stelle. Die Schweizerin Fabienne Schlumpf zeigte sich als resolute Tempoläuferin. Sie führte bei 1.000 m mit 3:05,79 min und bei 2.000 m mit 6:16,92 min stets das Feld an. In der letzten Runde stand das Stadion Kopf. Die bange Frage war, wer behält nun die Oberhand? Als es zum letzten Mal auf den Wassergraben zuging, griff Krause konzentriert an. Ihr Antritt war so energisch, dass die Schweizerin trotz aller Mühe nicht kontern konnte. Als Krause das letzte Hindernis fehlerfrei überlief, war alles klar. Unter dem ohrenbetäubenden Lärm des Publikums stürmte die 26-Jährige über die Ziellinie. Silber ging an die tapfere Schweizerin (9:22,29 min), Bronze an die Mitfavoritin Karoline Bjerkeli Grovdal aus Norwegen. Fast unbemerkt durch den Jubel um die Siegerin schaffte die zweite Deutsche, die das Finale erreicht hatte, einen hervorragenden 6. Platz. Elena Burkard lief in 9:29,76 min persönliche Bestzeit.

Schade, dass diese wunderbaren Europameisterschaften der Vergangenheit angehören. Zweifellos werden sie noch lange in Erinnerung bleiben…

(Hubert Meisen/Jörg Valentin)

 

Titelfoto: Sven Hoppe/dpa

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