Marathon Quali Berlin – und was dann?

MEINE MEINUNG. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin. Diesen Text, den bislang nur die Fußballfans gesungen haben, wenn sie den Einzug ins DFB Pokal Finale geschafft haben, findet sich nunmehr auch im Wortschatz der Leichtathleten 2018 wieder. Leichtathletik zuhause –  Präsentationsmöglichkeiten für die Athleten die sonst nur wenig Aufmerksamkeit bekommen. Und gerade dieser Umstand setzt neue Kräfte frei. Nicht nur bei bekannten Namen der Langstrecke, sondern auch bei den Youngstern der Szene, die sonst auf kürzeren Strecken versucht haben sich zu entwickeln.

Quali um jeden Preis? Die angedachte stufenförmige Leistungsentwicklung unterbrechen um sich fürs Team zu qualifizieren? Es wurde viel diskutiert in der Zeit vor der EM. Junge Athleten die Ihr Potential auf den unteren Distanzen noch nicht ausgeschöpft haben, um sich über die Marathon Quali Sub 2:17 h für die Top 6 zu empfehlen. Nationaltrikot auf Teufel komm heraus?

Wer will es Ihnen verdenken. Wir sind mitten im Olympia Zyklus für Tokio 2020. Bei den Marathon Männer stellt sich die Frage, wie hoch wird die Norm sein und wer ist in 2 Jahren überhaupt in der Lage diese zu unterbieten. Für Zeiten um 2:11/2:12 h müssen die Zubringerwerte auf den kürzeren Distanzen stimmen, heißt die Grundschnelligkeit muss verbessert werden. Genau in diesen Zyklus kommt die EM und einige der vielleicht hoffnungsvollen Leute setzte im Frühjahr 2018 auf die lange Distanz. Warum fragt man sich. Ich kann es euch sagen. Weil die Chancen im eigenen Land im Nationaltrikot zu laufen vielleicht nur einmal in der Laufkarriere kommt, zumal mit einer Quali die deutlich mehr Leute packen können als bei einer WM oder wie schon gesagt Olympia.

Und so konnte man Mäuschen spielen in den ersten Monaten diesen Jahres. Beispiel: Karsten Meier (LG Braunschweig). Bereits beim DLV Cross Cup in Löningen (gleichzeitig NLV Meisterschaften) hörte man von seinem geplantem Marathon Debüt. In Löningen gewann er übrigens die Männer Mittelstrecke und kurz danach auch die Langstrecke gegen starke Konkurrenz. Auf meine Nachfrage welche Zeit er in Düsseldorf anstrebt, sagte man mir aus Kreisen des NLV – eine 2:16. Nun gut, Ziel und das was dann herauskommt sind manchmal zwei verschiedene Paar Schuhe, aber wie man bei Karsten gesehen hat passte vieles. Alles auf die Karte Marathon gesetzt und gewonnen. 2:16 bei der DM in Düsseldorf und auch noch den Titel des Deutschen Halbmarathon Meisters eingefahren. Auch wenn es mit der Nominierung nicht klappen sollte, hat die Umstellung des Trainings auf eine Marathon Vorbereitung doch schon Verbesserungen gebracht. Eine Verbesserung der Form die man weiter mit ins Jahr nehmen kann.

Gleiches gilt für Jens Nerkamp (Kassel). Lange in der DM Spitzengruppe dabei erzielte er in seinem ebenfalls ersten Marathon eine tolle Zeit von 2:17:18 h. Keine Quali aber die Erkenntnis das Marathon eine tolle Strecke ist und es sicher nicht der letzte Auftritt hierbei war.

Überhaupt war die Gruppendynamik die sich bei der DM gebildet hat, ein ausschlaggebender Faktor warum die Norm von 2:17 h reihenweise unterboten wurde und das trotz widriger Wetterbedingungen in Düsseldorf. Tom Gröschel (2:15 h), Sebastian Reinwand, Marcus Schöfisch (alle 2:16 h) waren sich einig in der Renngestaltung und wurden mit tollen Zeiten belohnt.

Dieser Aspekt wirft die Frage auf ob unser Qualifikationssystem, welches wir in Deutschland in den letzten Jahren verfolgen, überhaupt noch richtungsweisend ist . Welchen Anforderungen muss ein Athlet bei internationalen Meisterschaften genügen? Auf den Tag fit ein, taktisch klug agieren und natürlich die internationale Norm erfüllen. Fragen nach deutschen Trails werden laut, ähnlich nach dem System der USA. Vorteil: Die stärksten kommen an einem Tag zusammen um die freien Plätze auszulaufen. Es herrscht Klarheit für die Athleten sowie auch für den Verband. Das solche Trails auch sehr spannend sein können sah mal am Livestream aus Düsseldorf der im Netz zu sehen war. Bitte mehr davon.

Zu den Düsseldorfer Qualifikanten kommen noch Philipp Pflieger, Hendrik Pfeiffer und Jonas Koller hinzu. Pflieger zeigte in Hamburg eine starke Leistung, quasi als kontrollierte Offensive. Kräfte sparen hieß es da die Zeit bis zum Startschuss in Berlin doch recht knapp ist. Regeneration und dann wieder in den Aufbau zur EM starten. Einen Frühjahrsmarathon mussten Hendrik Pfeiffer und Jonas Koller nicht mehr laufen.  Pfeiffer hatte die Norm in Köln und Koller in Frankfurt gelaufen. Die Leistungsnachweise des DLV vor der DM (Halbmarathon) haben beide ebenfalls abgeliefert. Wenn der DLV dieses auch genau so, sieht haben wir die sechs Männer für Berlin.

Aber es gibt auch die Läufer die alles gegeben aber nicht zu den glücklichen gehören Steffen Uliczka blieb in Düsseldorf ebenso über der Norm wie Frank Schauer in Hamburg. Marcel Bräutigam sowie Julian Flügel konnten verletzungsbedingt trotz Ambitionen nicht in die Vergabe der Plätze eingreifen.

Egal wie es in Berlin auch kommt. Alle werden hochmotiviert am Start sein und Ihr bestes geben. Wie viele von den Debütanten dann weiter bei der Königsstrecke bleiben wird sich zeigen. Entwicklungspotential ist da. Doch dafür müsste der DLV weiter an seinem System der Qualifikation arbeiten. Marathonis haben halt nur wenige Versuche für Ihre Top Zeit und wer weiß denn schon, wenn noch mehr Aspiranten in der NRW Landeshauptstadt am Start gewesen wären. Berlin ist eine Reise wert – danach wird weiter trainiert. Meist wieder im Kampf gegen Windmühlen. Die Windmühle der hohen Norm die so manchen verzweifeln lässt.

Es bleibt zu wünschen das sich in Hinblick auf Tokio andere starken Läufer der langen Strecke hingeben. Homiyu Tesfaye hat ebenfalls schon durchblicken lassen das seine Halbmarathon Starts sicher nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten und auch er sich mal dem Marathon zuwenden möchte und wenn dann vielleicht noch Amanal Petros oder gar Richard Ringer Ihren Speed der 10.000 m auf die Straße setzen, dann sieht man bei Olympischen Spielen auch mal wieder deutsche Läufer am Start.

Das Geld liegt für die Leichtathleten auf der Straße, auch wenn dieses immer noch zu Ungunsten der deutschen Läufer verteilt ist. Der Trend geht bei mehr und mehr Veranstaltern allerdings dahin, eine eigene Wertung für deutsche Läufer einzuführen. Ich bin ganz ehrlich, auch ich war viele Jahre begeistert von schnellen Zeiten der Läufer aus aller (Afrika)-welt wenn sie diese in den deutschen Asphalt brannten. Dennoch bin ich dessen überdrüssig geworden immer nur Designer Rennen mir anzusehen. Dass die DLV Starter dann den Kopf einziehen und sich fragen warum sie um Platz 15 kämpfen sollen ist klar. Viel Aufwand, kein Preisgeld. Förderung seitens des Verbandes gibt es eh nur kleckerweise aus dem vernagelten Geldtopf. Auch hier sei das US System beschrieben. Die Trials Sieger und Platzierten erhalten Preisgelder wie die Sieger der großen Marathon Läufe. Anreize schaffen. Fördern statt immer nur zu fordern. Aber das…..ist wieder ein anderes (abendfüllendes) Thema.

Berlin, Berlin…einige fahren nach Berlin. In diesem Sinne, Glück auf.

Euer Andreas Menz

Foto: Wolfgang Weising / Marathon-DM Düsseldorf 2018 mit der Männer Spitze

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*