RunCzech-Serie nimmt europäische Elite in den Fokus

Die prächtige südböhmische Hauptstadt Budweis bietet eine schmucke Kulisse nicht nur für den Halbmarathon, sondern auch für das zwei Stunden zuvor durchgeführte Familienrennen, an dem knapp 3.000 meist junge Läufer und Läuferinnen teilnahmen.

Budweis, auch als Perle Südböhmens gerühmt, ist nicht nur bekannt wegen seinem Bier, sondern wegen der schönen Altstadt, in deren Zentrum der Hauptplatz Ausgangspunkt für eine beeindruckende Stadtführung sein kann. Die Innenstadt ist überschaubar und gut fußläufig zu durchqueren. Besonders interessant ist die architektonische Vielfalt der Bürgerhäuser, die Arkadenbauweise und die schachbrettartige Anlage der Straßenzüge. Es gibt zahlreiche Museen und Galerien sowie anerkannte Ballett- und Konzerthäuser. Ruhe findet man im Stromovkapark oder an den Ufern von Moldau und Maltsch, die nahe dem Altstadtkern zusammenfließen und eine Naherholungsinsel bilden.

In Budweis spielt – gottlob – der Autoverkehr nicht eine so dominante Rolle wie in anderen tschechischen Städten. Die idyllische Metropole mit knapp 100.000 Einwohnern, darunter zehn Prozent Studenten, wirkt auf die Besucher entspannt, ja fast beschaulich. Hektik kommt hier jedenfalls kaum auf, selbst nicht am Tag des Laufes, obwohl die ganze Stadt auf den Beinen scheint.

 

Very british

Manchmal, da geht es gerecht zu in der Welt, auch in der der Läufer. Als Beispiel kann das Männerrennen beim 7. Budweiser Halbmarathon dienen. Denn da leistete im Spitzenduo nur einer der beiden Läufer Führungsarbeit, und zwar über die gesamte Strecke gesehen: der Brite Luke Traynor. Der Ukrainer Roman Romanenko, vor zwei Wochen noch Sieger des Halbmarathons in Karlsbad, hängte sich einfach nur hinten dran, genoss Windschatten und hoffte für die Schlussphase darauf, dass Traynor sein Pulver verschossen haben könnte. Doch so kam es glücklicherweise nicht. Traynor war an diesem Tag einfach der bessere Läufer, hatte am Ende noch zuzusetzen und siegte verdient und mit recht komfortablem Vorsprung von fünfundzwanzig Sekunden in 1:03:40 h vor Romanenko (1:04:05 h). Hinter dem Duo meldete sich der Österreicher Valentin Pfeil nach längerer Verletzungspause mit einer guten Leistung zurück und wurde dritter in 1:05:08 h.

In der Rennanalyse gab sich Traynor britisch fair und verlor über die „bescheidene“ Führungsarbeit seines Hauptkonkurrenten kein Wort. „Wir sind von Anfang an zusammengelaufen“, stellte der Sieger aus Großbritannien nach dem Rennen lakonisch fest. „Roman hat mich fast das ganze Rennen begleitet, aber ich hatte das Gefühl, dass ich ein bisschen mehr geben müsste, und am Ende konnte ich etwas beschleunigen. Obwohl ich nun ein bisschen müde bin, muss ich sagen, dass ich das Rennen wirklich genossen habe, die Atmosphäre war fantastisch mit vielen Fans entlang der Strecke. Auch mit meiner Endzeit bin ich sehr zufrieden.“ Mit Blick auf seine Spitzenleistung, die bei 1:01:57 h (Barcelona) liegt, ergänzte Traynor: „Obwohl meine persönliche Bestzeit zwei Minuten schneller ist, ist es immer noch eine gute Zeit auf diesem Kurs, der ein bisschen knifflig ist.“

Was der Brite mit knifflig (tricky) meinte, erklärte er nicht. Denkbar aber ist, dass er einige Senken und Brücken meinte, die die Strecke vor allem im mittleren Teil für die Läufer bereithält. Er könnte aber auch auf ein paar hundert Meter Kopfsteinpflaster angespielt haben, auf die engen Wendepunkte bei km 10 und 19 oder auf einige Ecken im Innenstadtbereich. Dass auch er – wie viele andere Gewinner eines RunCzech-Laufs vor ihm – die tolle Stimmung an der Strecke und die Begeisterungsfähigkeit der Zuschauer lobte, ist sicher keine Höflichkeitsfloskel, sondern als ehrliche Aussage zu werten über das besondere Engagement des Publikums und die einhergehende Identifikation der Bewohner mit „ihrem“ Rennen. Auch die Frauensiegerin Lilia Fisikovici aus Moldawien äußerte sich ähnlich: „Ich war total begeistert von der Stadt, die Fans waren super, und ich lief auch sehr gut.“

Ein eingespieltes Ritual

Die Läufe der RunCzech-Serie werden nach einem ähnlichen, vielfach erprobten Muster durchgeführt. Da macht Budweis keine Ausnahme. Es gibt als Rennen einen Familienlauf (3-4 km), den Halbmarathon als Hauptlauf, sowie die in den Halbmarathon integrierten Staffelläufe für zwei (10+11,1 km) und vier Läufer (3 x 5, 1 x 6,1 km). Sowohl der Familienlauf als auch der Halbmarathon sind mit 3.000 bzw. 3.600 Teilnehmer gedeckelt und in der Regel ausgebucht. Das logistische Zentrum ist der bereits erwähnte Hauptplatz, wo anschließend auch die Läuferparty stattfindet. Die Expo mit Startunterlagenausgabe hingegen liegt ein paar hundert Meter vom Stadtzentrum entfernt im E.O.N.-Gebäude auf der anderen Seite der Moldau. So weit, so bekannt.

In einem Punkt hat die RunCzech-Serie zuletzt aber einen Wandel, ja sogar einen Paradigmenwechsel verzogen, zumindest für die Veranstaltungen in Karlsbad und Budweis. Erstmals in diesem Jahr hat man zu beiden Läufen, die jeweils das IAAF-Goldlabel tragen, keine Afrikaner eingeladen, sondern setzt ganz bewusst auf europäische Spitzenkräfte. In diesem Zusammenhang hat RunCzech eine Kooperation mit der europäischen Athletenvereinigung vereinbart mit dem Ziel, dauerhaft die Leichtathletik des alten Kontinents voranzubringen.

Die Reaktionen auf dieses Vorhaben fielen bisher recht unterschiedlich aus. Manche Kommentatoren begrüßen den Vorstoß ausdrücklich und sehen keinen Sinn darin, immer wieder mit Kenianern und Äthiopiern nach neuen Bestwerten zu streben; andere weisen auf den sportlichen Werteverlust hin, vor allem, weil aus Europa nur die zweite Garde an den Start gebracht werde, so jedenfalls Helmut Winter in einer Kolumne.

Budweis webBlick zum Himmel

Spannend freilich war die Frage des Wetters, weniger vielleicht, weil man im letzten Jahr mit Temperaturen bis zu 34 Grad einen „Glutofen“ und viele Rennabbrüche auch einiger Eliteläufer erlebte hatte, als vielmehr, weil es in den Tagen vor dem Rennen in der weiteren Umgebung zu Unwettern gekommen war. Als dann in Budweis genau zur Mittagszeit, also wenige Stunden vor dem ersten Startschuss, ein heftiger Starkregen niedertrommelte, da war das Schlimmste, vielleicht sogar eine Absage zu befürchten gewesen.

Doch sollte sich das Ganze nur als eine Angelegenheit von wenigen Minuten Dauer herausstellen. Schnell klarte sich die Wetterlage auf, so dass zu Beginn des Familyruns um 17 Uhr schon wieder die Sonne schien, es aber bei freundlichen 19 Grad doch recht drückend war und eine hohe Luftfeuchtigkeit herrschte. Später, beim Start des Hauptlaufes, der um 19 Uhr angeschossen wurde, war die Temperatur auf 23 Grad angestiegen und die Luftfeuchtigkeit mit 80 Prozent anzugeben. Damit waren die Bedingungen zwar deutlich leichter als 2017, aber keineswegs einfach. Kein Wunder, dass es viele Läufer nicht ins Ziel schafften, darunter auch zwei, drei Favoriten.

Insgesamt waren 3.600 Läuferinnen und Läufer für den Halbmarathon und die zwei Staffelwettbewerbe gemeldet und das Rennen damit ausgebucht.

Nur Bronze für Favoritin Rosaria Console

Obwohl nur mit der Startnummer F2 versehen, musste die Italienerin Rosaria Console als Favoritin im Frauenrennen angesehen werden. Mit ihrer Bestleistung von 1:09:34   h lag sie um mehr als zwei Minuten günstiger als F1-Frau Sviatlana Kudzelich aus Bulgarien (1:11:45h) und Lilia Fisikovici (1:12:11h) aus Moldawien.

Zunächst, bis km 5, bildete sich eine sechs Läuferinnen umfassende Spitzengruppe mit allen Favoritinnen. Diese reduzierte sich zu Beginn der zweiten Hälfte auf ein Trio, wobei Kudzelich als erste zurückfiel und am Ende nur 6. wurde (1:18:01 h). Etwas später erwischte es auch die stärkste Tschechin, Kristyna Dvorakova aus Prag, die in 1:16:44 h 5. wurde und damit schneller war in Budweis als je eine Einheimische. Nachdem auch die Britin Sonja Samuels die Segel hatte streichen müssen (4. in 1:14:55 h), fiel überraschend Console etwas zurück. Bei km 17 schließlich ergriff Fisikovici die Initiative, womit sie ihrer ärgsten Konkurrentin Olha Kotovska aus der Ukraine enteilte.

Fisikovici, die das Rennen in 1:13:20 h vor Kotovska (1:14:14 h) recht klar gewann, kommentierte ihren Erfolg wie folgt: „Ich bin leicht geschockt, aber sehr erfreut. … Beim siebzehnten Kilometer hatte ich das Gefühl, ich könnte etwas mehr Tempo aufnehmen, habe meine Rivalin abgehängt und bin bis zum Schluss in Führung geblieben“. Rosaria Console belegte den dritten Platz in 1:14:38 h.

Budweis oder Olmütz

Als Fazit lässt sich ziehen, dass der Budweis Halbmarathon keine Spitzenergebnisse von internationalem Format mehr produziert hat, dadurch aber an Spannung hinzugewonnen hat. Die Organisation war gewohnt herausragend aufgestellt und so aufwändig betrieben worden eh und je. Dafür hätte das Team um Orgachef Carlo Capalbo sicher weiterhin das IAAF-Label verdient, doch ohne Afrikaner könnte das Prämiumszertifikat möglicherweise verloren gehen.

Anders sah das bei der drei Wochen später durchgeführten Veranstaltung in Olomouc (früher Olmütz) aus, wo man weiterhin auf schnelle Afrikaner setzte und 2018 einen neuen Streckenrekord bei den Männer feiern konnte. Denn der Kenianer Stephen Kiprop lief in 60:15 Minuten eine Weltklassezeit, die er mit den Worten kommentierte. „Es war mein Ziel, diese Bestzeit zu brechen. Ohne den Wind wäre ich sicherlich dreißig Sekunden schneller gewesen“. Rund drei Kilometer vor dem Ziel setzte er sich von seinem schärfsten Konkurrenten, Jemal Yimer, ab. Der Äthiopier wurde in dem von den Kenianern dominierten Rennen Zweiter in 60:37.

Auch die 27-jährige Netsanet Gudeta sorgte mit einer Siegzeit von 67:30 Minuten für eine hochklassige Leistung. Die Äthiopierin lief dabei zu einem ungefährdeten Start-Ziel-Sieg. „Mit deutlichem Abstand hinter der Siegerin belegte Asefelech Mergia (Äthiopien) in 69:45 Minuten Rang zwei vor der Spanierin Trihas Gebre, die mit 69:51 einen nationalen Rekord aufstellte. Auch die viertplatzierte Französin Clemence Calvin blieb bei windigen Wetterbedingungen in 69:52 unter der 70-Minuten-Marke.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass RunCzech seit diesem Jahr ein Doppelkonzept fährt, was die vier Halbmarathonläufe außerhalb von Prag anbelangt. Während in Olomouc und Usti alles beim alten bleibt und man auf afrikanische Spitzenkräfte setzt, rudert man in Karlsbad und Budweis zurück und legt den Fokus auf europäische Spitzenkräfte, um den Laufsport auf dem alten Kontinent zu befördern. Eine Teilnahme von deutschen Läufern, egal ob Elite- oder Breitensportler, lohnt sich in Tschechien allemal, denn Service, Organisation und Support sind unerreicht – selbst im Vergleich zu Spitzenveranstaltungen im westlichen Ausland.

(Text und Fotos: Michael Schardt)

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