Alina Reh und Philipp Pflieger schaffen EM-Quali

Der Mittsommerlauf über 10.000 m am Regensburger Oberen Wöhrd stand dem gleichzeitig stattfindenden Fußballball-WM Spiel Deutschland-Schweden in nichts nach, was die Dramatik anbelangte. Zuerst schnappte sich Lokalmatador Philipp Pflieger (LG Telis Finanz) in einem wahren Sturmlauf auf der zweiten Hälfte, anfangs noch im Duell mit dem Deutschen Halbmarathon-Meister Carsten Meier (LG Braunschweig – 29:07,78 min PB) EM-Norm Nummer zwei, weil im Ziel schier unglaubliche 28:41,75 min aufleuchteten. Dann stürzten die wiedergenesene Alina Reh (SSV Ulm) und die sensationell auftretende amtierende Deutsche 10.000 m-Meisterin Anna Gehring (ASV Köln) mit ihren 32:17,17 min und 32:20,37 min Altmeisterin Sabrina Mockenhaupt (LT Haspa Marathon Hamburg) und Telis-Nesthäkchen Miriam Dattke ins Tal der Tränen, weil sie die beiden im letzten Moment aus dem deutschen EM-Team kegelten. Für die tapfere Regensburgerin war das besonders schlimm, weil sie als Dritte des Rennens mit 32:44,79 min erneut besser als die EM-Norm von 32:55,00 min war, aber am Ende eben knapp neun Sekunden langsamer als jene 32:36,15 min, die die in Amerika lebende Deutsch-Amerikanerin Natalie Tanner bereits am 30. März in Stanford (USA) erzielt hatte. Beim einzigen direkten Vergleich, Ende Mai beim Europacup in London, hatte Dattke gegenüber Tanner noch die Nase vorn.

„Das alles geht so schon in Ordnung, auch wenn es für uns bitter ist. Die für mich absolut in die falsche Richtung gehenden Nominierungsrichtlinien des DLV – und das habe ich schon im Herbst gesagt – geben keine andere Möglichkeit her, der direkte Vergleich ist eben nichts wert. Hauptsache die Sportführung kann gegenüber dem DOSB die erweiterte Endkampfchance nachweisen“, konnte sich Dattke-Trainer und Telis-Teamchef Kurt Ring unmittelbar nach dem Rennen, das unter idealen Bedingungen stattfand, einen Seitenhieb Richtung DLV-Führung nicht verkneifen. Auch Anna Gehrings Bemerkung „eigentlich gehören die ersten Drei dieses Rennens nach Berlin“ war am Ende nur ein schwacher Trost. Für Sabrina Mockenhaupt brach ebenfalls eine Welt zusammen. Noch vor vierzehn Tagen hatte sie sich im holländischen Leiden mit 32:38,22 min knapp an Dattke vorbeigeschoben, auf einen vermeintlich sicheren EM-Platz. Jetzt vermasselten ihr Alina Reh und Anna Gehring ihre letzte große Tribüne bei der Heim-EM. Mit dem Ausgang des Rennens am Oberen Wöhrd hatte sie nichts mehr zu tun. Am Ende lag sie als Fünfte mit 34:09,95 min noch hinter der bereits für den Marathon nominierten Deutschen Marathon-Meisterin Fabienne Amrhein (MTG Mannheim – 33:46,14 min). Die Normenhatz der letzten Wochen mit drei Läufen über die 25 Stadionrunden und zwei über die 5.000 m Distanz hatten sie im wahrsten Sinne schon im Vorfeld zerstört.

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Alina Reh und ihr Traner Jürgen Austin-Kerl haben das Lachen wiedergefunden. Reh schaffte beim Comeback nach einem Ermüdungsbruch die EM-Quali über 10.000 m – Foto: Valentin

Pflieger-Coach Kurt Ring hatte jene Aussage seines Schützlings vor dem Start „wenn ich unter 28:44 min laufe, will ich in Berlin den Doppelstart“ noch als „nette Spinnerei“ abgetan, nach dem Rennen war er, der als Einziger mit ihm überhaupt an „eine 28er Zeit, wenn’s superoptimal läuft“ geglaubt hatte, einfach nur sprachlos. Mit einem unglaublichen Schlusskilometer in zirka 2:40 min stürmte der Regensburger ins Ziel und direkt auf Platz drei der deutschen Bestenliste. Damit hat er rein formell Anspruch auch im Stadion in Berlin zu laufen. „Das kann ich, das hat Europameister Meucci auch schon hingebraucht, der 10.000er ist am Dienstag, der Marathon fünf Tage später am Schlusstag,“, war der Schwabe im Regensburger Trikot auch nach dem Rennen von seiner fixen Idee nicht mehr abzubringen und übermittelte diese Botschaft auch gleich per whatsapp seiner Bundestrainerin Kathrin Dörre-Heinig. Erfreulich durch die Telis-Brille gesehen war auch die Tatsache, dass das einheimische Duo Jonas Koller und Tim Ramdane Cherif nach etlichen Verletzungsturbulenzen im Vorfeld mit 30:15,75 min und 30:19,49 min allmählich wieder in Schwung kommt. (Kurt Ring)

Foto: dpa Picture-Alliance GmbH

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